12. August 2010
Wann immer es unsere Zeit erlaubt, fahren wir etwas über eine Stunde nach Cape Coast, der nächstgelegenen Stadt, um uns mal wieder mit “lecker” Dosenerbsen u. ä. zu versorgen. Es ist kaum zu fassen, aber Gemüse ist hier in Twifo und Umgebung echte Mangelware. Was es gibt, sind aus dem nördlichen Tamale herangeschaffte und daher etwas teurere Yam (gegart etwa vergleichbar mit mehligen Kartoffeln), Cassava, Ocra, Garden Eggs (eng mit Auberginen verwandt) und Zwiebeln oder auch Chili, aber alles andere ist für Einheimische kaum erschwinglich, weil nicht lokal, oder nur als Importware in Dosen für teuer Geld zu erstehen. Genießbares Fleisch ist rar und Käse gibt es gar nicht, wenn man mal von Schmelzkäseecken absieht. Wir retten uns mit Thunfisch und Bockwürstchen aus der Dose. Morgen allerdings kommt ein Arbeiter, um ein Stück unseres Geländes zu einem Gemüsebeet umzuspaten: „Gemüseanbau für Anfänger“ – Muss ich mal im Internet nachschlagen. *g*
Auf der anderen Seite ist vieles hier in Ghana eigentlich gar nicht so exotisch wie wir uns das vorgestellt haben. Einiges aber ist dann doch deutlich anders als in unserem beschaulichen D-Land. Zum Beispiel das, was sich so alles wie wo auf der Strasse bewegt. Ach übrigens danken wir an dieser Stelle schon mal allen, die uns Kommenare und Anmerkungen und Grüße senden, sehr. Das zeigt, dass wir nicht allein sind (was uns sehr glücklich macht.) Und noch eine Anmerkung, da Thomas bereits mehrfach gefragt worden ist, wie es denn so im Job läuft: in diesem Blog werden wir nix über die Arbeit schreiben, weil das nicht erlaubt ist, ohne die Pressestelle der „Firma“ zu informieren. Dieses hier ist ein privates Blog, also gibt’s auch nichts Dienstliches.
Insbesondere für Thomas traumhaft ist, dass hier überall die netten alten 508er ‘rumfahren. Für die Kenner der Szene die „Düsseldorfer“ von Mercedes Benz, alte Buss, die bis 1982 gebaut wurden. Die Dinger sind fast alle super lackiert, haben aber meist ordentliche Motorprobleme (kaum Kompression) und schnaufen schwerbeladen dicke schwarze Russwolken ausstoßend die Hügel hinauf.

An Markttagen in Twifo Praso ist dann auch auf der Strasse die Hölle los, unzählige Kia- und Nissan Urvan-Trot-Trots kommen, um Marktfrauen und -männer sowie Besucher in die Handelsmetropole zu karren – und abends natürlich auch wieder nach Hause zu bringen – meist über Pisten, wie beispielsweise zur circa 50 km entfernten Hauptstadt des nächsten Distriktes Assin Foso. Fahrtzeit: in etwa eine Stunde. Und da kann man schon mal müde werden…

Und weil es Thomas ein spezielles Anliegen ist, hier noch einmal ein paar Details zu meinem Defenderchen. Es ist ein Landrover Defenderchen, Baujahr 1998. Der sieht außen herum klasse aus, weil er schick lackiert ist, hat aber sicher schon viel erlebt in seinem Leben und ächzt und knackt und kracht ordentlich rum. Aber alle sagen „this is a good and strong car“. Das Defenderchen – ja, wie soll ich es sagen? Wer sich sowas zulegt, braucht es in der Tat wirklich, weil es durch unwegsames Gelände gehen soll (bislang nicht wirklich der Fall bei uns), oder hat unseres Erachtens ein kleines Egoproblem (-> Eisdiele). *lach* Das Fahrgefühl ist wirklich “intensiv” und „ursprünglich.“ Rund um Twifo bewegen wir uns meist über Teerstrassen, die allerdings gespickt sind mit heftigsten Schlaglöchern. Beim Defender: keine Dämpfung, dass heißt ausweichen um jeden Preis. Erinnert eher an ein Computerspiel, die Fahrerei. *g* Aber dafür ist ein Defenderchen cool, und viele Leute sind ist beeindruckt. Und hier in Afrika passt er in die Landschaft. Sehr von Vorteil ist natürlich, dass überflüssiger Elektro-Schnickschnack nicht vorhanden ist, so dass das Defenderchen bei Bedarf von den zahlreichen Fittern der Region rasch wieder flott gemacht werden kann.

Aber es könnte schlimmer sein: Vorwärts kommen nämlich auch ganz andere Geräte wie z.B. dieser Holzlaster, der täglich durch Twifo juckelt, nur jetzt gerade nicht, weil ein Slick geplatzt ist und es wohl eine Woche dauern wird, bis er gewechselt wird. (Arbeits-) Zeit ist hier nämlich nichts wert, im Gegensatz zu Waren. Wozu also wertvolles Profil vergeuden, wenn der Lastwagen doch noch drei Tage länger fahren könnte, bevor notgedrungen ein neuer Reifen drauf muss? Darum kümmert sich dann der Fahrer, nachdem er liegen geblieben ist: Zur nächten Stadt laufen, Reifen nebst Reifentransport zur Pannenstelle organisieren (was im Zweifelsfall auch mal etwas länger dauern kann, wir sind ja hier in Ghana und nicht immer alle Größen vorrätig), Reifen montieren, weiterfahren.

Und ein Schmankerl haben wir auch noch für Euch. Thomas war doch neulich die sehr bedeutsamen traditionellen Paramount Chiefs besuchen. Dabei ist dieses Foto entstanden:

Daraus könnte man doch prima ein Suchbild basteln: Wo ist der Obroni? Erkennt Ihr ihn??
Das Foto wurde vor dem Präsidentenpalast des für Twifo Praso zuständigen Chiefs aufgenommen. Bei der Dame in der Mitte handelt es sich übrigens um das Ebenbild der verstorbenen Chief-Mother von Twifo.
28. Juli 2010
Letzten Freitag starb unser Nachbar, ein wirklich angesehener und bekannter Mann in Twifo an einem Leberleiden, wie man munkelt. Er war noch gar nicht so alt gewesen, unter 50, würde ich sagen, und wir hatten ihn zwei Wochen vorher noch getroffen und einen Besuch geplant. Derbe so etwas. Jedenfalls ist es seitdem ziemlich busy hier auf unserem Hügelchen, den ganzen Tag über fahren die Taxen rauf und wieder ‘runter, weil ja jeder kondulieren will. Und hier oben wird auch alles fein rausgeputzt (man will ja, dass alles schön reinlich und fesch ausschaut für die da unten.) Araba werkelt in allen Ecken, die sie vorher anscheinend noch nie wirklich zur Kenntnis genommen hatte, die „Grasscutter“ sind wieder anmarschiert, um mit ihren Macheten unseren „Rasen“ zu stutzen, der Weg wird hübsch eingefasst… Denn Freitag, genau eine Woche nach dem tragischen Ereignis, wollen sich alle Bekannten und Freunde am Haus des Verstorbenen treffen, um gemeinsam zu trauern. Und da kommen sie ja dann auch an den beiden vorgelagerten Gebäuden (inclusive unserem) vorbei. Alles in allem nehmen Trauerzeremonien und Beerdigungen hier in Ghana einen hohen Stellenwert ein, alle Handlungen vollziehen sich in einer streng festgelegten Reihenfolge. Die Beisetzung wird folglich in circa 2 Monaten erfolgen.
Obschon die Kinderbetreuungs-Situation durch die Schule nun etwas besser geworden ist, habe ich irgendwie für mich selbst trotzdem kaum Zeit, weil vormittags immer Kleinkram ansteht, wie Handwerker auf den Hügel und wieder ‘runterkarren, Besorgungen in der Stadt machen, oder Vorhänge zurechtschneiden, und nachmittags highspeed gespielt werden muss, und zwar ohne Verschnaufpause.
Komplizierter als gedacht gestalten sich nämlich auch die “Freundschaften” für die Kinder. Nachdem der erste Kindergarten (katholische Schwestern) in einem mittelgroßen Desaster endete, probieren wir jetzt immerhin den zweiten aus (Mormonen), diesmal für beide, und das funktioniert besser. Wo auch immer wir uns in der Stadt mit den Rackern blicken lassen, tauchen Kinder in Horden auf, die alle ganz aufgeregt “Obroni!” (“Weiße!”) rufen, und die beiden berühren wollen (was die natürlich gar nicht leiden mögen). Das ist alles in der Regel sehr lieb gemeint und gar nicht herabwürdigend, doch Daan rettet sich dann in der Regel in Angreifen und Kämpfen, Janne klammert. Und in der Schule sind unsere beiden natürlich die privilegierten Reichen, die immer Sonderbehandlungen erhalten. Langsam, ganz langsam tasten sie sich an das Englische heran, aber um richtig kommunizieren zu können, braucht es natürlich noch Zeit. Aber wir halten durch und hoffen weiter. Ein halbes Jahr haben wir uns ja gegeben, dann sollten die Kinder in trockenen Tüchern sein.
Der wahre Kulturschock ist allerdings die Tatsache, dass es hier für unseren Geschmack irgendwie so gar keine Ästhetik zu geben scheint. Konsumgüter sind entweder China-Importware, oder in so einem altmodischen Style, wie es meine Uroma nicht hätte anders aussuchen können. Echt krass das. Jeder, dessen Gesundheit es erlaubt, versucht, sich mit irgendwelchen Tätigkeiten über Wasser zu halten. Die meisten verkaufen irgendwas, und jeder das Gleiche: Tomatenmark in Dosen, Kräcker, Palmöl. Und dann gibt es Schneider und Tischler in Massen, aber das, was sich so “Taylor” oder “Carpenter” nennt, sind meist Leute, wie Ihr und ich, die halt durch irgendwelche Umstände das Geld für eine Nähmaschine oder eine bisserl Werkzeug zusammengespart hatten, und dann draufloswerkeln. So probieren wir zur Zeit den vierten Taylor aus, um ein paar olle Schaumstoffkissen für unser Sofa beziehen zu lassen. Neben dem Gehuddel kommt da dann natürlich noch das Geschmacksproblem hinzu. Es ist wirklich richtig schwer, da zu erklären, was genau wir wollen. Dass ein Quader-Schaumstoffkissen eben einen Bezug mit Seitenteilen haben sollte, weil es, wenn einfach nur durch eine Naht an der Seite zusammengenäht wird, eben so unschöne Dellen und Zipfel an den Ecken kriegt. Oder dass es irgenwie nicht so prickelt, ein orangefarbenes Batikkissen mit neonblauen Reissverschlüssen zu haben. Oder dass man die Enden nicht einfach so lässt, sondern umnäht, weil sie sonst mit der Zeit ausfransen. Und so weiter, und so fort, das Ganze könnte ich noch zwei Seiten so weiter führen. Es ist Wahnsinn, welche Fehler man eigentlich alle machen kann. *g*
Zudem verschimmeln uns nebst den neuen Bambusmöbeln, die wir reihum immer mal raus in die Sonne zum Trocknen und Lüften schleppen, unsere gesamten Klamotten in den (offenstehenden) Schränken. Es ist echt ein Jammer und macht mich richtig traurig, da zuzusehen. Aber wir wissen uns leider keinen Rat, außer, den Ventilator den ganzen Tag lang laufen zu lassen und uns eine Skelett-Konstruktion zum Aufhängen der Kleidung beim Carpenter unseres Vertrauens in Auftrag zu geben, in der vagen Hoffnung, dass es dann etwas besser wird.
Schön ist immerhin, dass wir zur Zeit unseren ersten Gast hier beherbergen, einen wirklich netten Kollegen, der beim lokalen Radiosender mithelfen soll. Der ist natürlich noch ganz frisch und neugierig, und so kommen wir auch endlich mal dazu, unsere Umgebung ein bischen eingehender zu erkunden. Und tut auch gut, sich nochmal mit jemand anderem über all die Alltäglichkeiten austauschen zu können, mit denen wir hier natürlich konfrontiert sind. Viele Dinge in der Interaktion der Menschen passieren hier so selbstverständlich und nebenbei, aber für uns sind sie neu und erst einmal unverständlich. Wieso steckt zum Beispiel der Elektriker beim Weggehen Araba ‘nen Cedi zu? „Because it’s part of our culture.“ (Wer gerade was hat, hilft dem, der klamm ist.) – Wieso kriege ich als einzige Frau beim Sit-In vor dem Trauerhaus kein Getränk angeboten? „Part of our culture.“ (Mein Mann und ich werden als eine Person gesehen, weshalb wir natürlich auch aus einem Glas trinken.) – Wieso darf ich Klein-Janne beim Gang über den Markt um himmelswillen nicht auf meinen Schultern tragen, wie ich es gewohnt bin? „Part of our culture.“ (Weil alles, was oben getragen wird, frei zum Verkauf steht.) Was wirklich dahintersteckt, muss man erst einmal herausklabüstern. Es ist nicht besser oder schlechter, so doch einfach anders, als wir es in unserer Kultur so gewohnt sind. Und wir wollen es ja nicht nur respektieren, sondern auch verstehen.

10. Juli 2010
Was wir hier erleben ist unmöglich aufzuschreiben. Jeden Tag passieren so viele Dinge, so viele kleine und große Begebenheiten und Eindrücke, dass es nach einiger Zeit schwierig wird, das alles irgendwie zu ordnen und einen Bruchteil dessen nach Hause zu übermitteln. Frisch frisch ans Werk!
Zunächst einmal haben wir Familienzuwachs bekommen: Ein niedliches kleines ghanaisches Welpenmädchen mit Namen „Afi“ (der weibliche Name für Freitag, da wir sie an einem ebensolchen bekamen.) Irgendwie war mir nach einer Art „Verstärkung“ für die langen, dunklen Nächte, zum Teil ohne Strom, die ich bei Thomas’ Dienstreisen hier auf unserem beschaulichen, aber recht abgelegenen Hügel alleine mit zwei Kleinkindern verbringen muss. Da beruhigt mich so ein Hund schon ein wenig. Neben Watchman Anabi, aber der ist ja auch nicht immer in Sichtweite.

Zudem sind wir natürlich weiterhin guten Mutes und versuchen in klitzekleinen Babyschrittchen unser Heim so gemütlich wie möglich zu gestalten, auch wenn wir noch immer auf Plastikstühlen sitzen, da die Schreiner irgendwie mit Terminversprechen recht vollmundig jonglieren. So hoffen wir also weiter, rufen einmal die Woche an, erkundigen uns nach dem Stand der Dinge, halten einen kleinen Plausch und üben uns in Geduld und guter Laune. Zum Glück sind wir campingerfahren… Dafür habe ich mir aber testweise inzwischen mein erstes schlichtes Kleid schneidern lassen, die Kinder zwei Schaukeln (damit es einmal keinen Streit gibt, aber den gibt es natürlich trotzdem) unterm Mangobaum und Thomas sein Großprojekt in Form eines kernigen Defenders realisiert. (Der Defender ist natürlich mein Defender, denn Thomas hat ja den Dienstwagen, aber darüber decken wir mal lieber den Mantel des Schweigens.)
Und auch unsere Cargo-Kisten sind mittlerweile eingetrudelt – ein wenig zerrupft, aber heile und komplett. Lediglich der Deckel war geöffnet worden, das ist wie Weihnachten!
Fußball ist natürlich auch hier ein großes Thema. Ein einziges mal haben wir es auch zum Public Viewing in Twifo geschafft, leider nur bis zur Halbzeit, aber immerhin. Die Kids brauchen momentan einfach sehr viel Zuwendung. Während des tragischen Ausscheidens Ghanas gegen Uruguay weilten wir gerade in Accra.

Es herrschte eine erwartungsvolle, ausgelassene Stimmung überall in der Stadt. Fast jeder trug die ghanaischen Farben, jedes Auto war mit Fähnchen bestückt. Eine Stunde vor Spielbeginn war ganz Accra ein einziger Stau – alle wollten vor den Fernseher. Nach dem Spiel war nur noch Schweigen. Stille in Accra. Es war wirklich traurig. Danach hielten alle zu Germany, weil Ghana dann „nur“ gegen den Weltmeister verloren hätte. Naja, die sind ja jetzt auch raus.
Ein interessantes Detail: Die weiterhin regelmäßigen Stromausfälle beschränken sich bis dato ausschließlich auf die spielfreien Zeiten. Während der Spiele ist alles paletti. Im übrigen ging es bei dem Ghana-Spiel für die meisten Menschen um die Ehre Afrikas, was allerdings nicht zuletzt durch das Werbekonzept von MTN, dem größten Mobilfunkanbieter Afrikas beeinflußt wurde: „The Black Stars make Africa proud.“

Araba, unsere Haushaltshilfe, hat sich mittlerweile übrigens zu einer richtigen Bereicherung und echten Stütze gemausert (mal schauen, was noch kommt.) Sie organisiert, erklärt, macht und tut… und schläft bisweilen, aber das ist dann auch o.k. so. Und samstags gibt’s immer lecker traditionelle Küche. Fufu, das aus Kochbananen und Kassava hergestellte Nationalgericht, haben wir jetzt schon in allen Variationen kosten dürfen, daneben Banku (ähnlich wie Fufu auch so eine Art Kloß, allerdings aus gesäuertem Maismehl.) Witzigerweise ist es hier auch gar nicht mehr so das große Problem, scharf zu essen. In fast allen Gerichten ist „Pepper“ drin, und zwar reichlich. Und ich wage zu behaupten: Wenn ich einen Tag lang keine Peperoni im Essen hatte, geht’s mir schlechter. Es heißt ja, das Zeugs hielte die Bakterien in Schach. Also immer drauf damit!

Unsere kleine Farm beherbergt inzwischen auch noch einen Hahn nebst zwei Küken, die hoffentlich bald eierlegende Hühner werden. Den Hahn hatte ich mir andrehen lassen in der Annahme, es sei ein ausgewachsenes Huhn. (Araba: „It’s good!“) Die zwei Küken hatten wir danach erstanden, weil wir gehört hatten, die Hühner in Ghana seien ein ganzes Stück kleiner, als in Deutschland. (Araba: „They are good!“) Später dann auf mehrmalige Nachfrage kam dann heraus, dass unsere Küken natürlich noch keine heißersehnten Eier legen können, aber wenn’s dann soweit ist: „Don’t worry, I’ll be here.“ (Araba) Unsere drei neuen Mitbewohner dürfen im übrigen mit nichten neben Anabis 20 Hühnern ums Haus laufen und gesundes Grünzeug fressen, neinnein. Es gehört sich aus unerfindlichen Gründen so, dass unser Federvieh im herrschaftlichen Stall das Fischmehl futtert und sich um himmelswillen nicht mit Anabis Brut mischt. Warum auch immer. Auf vehementes Insistieren meinerseits kam von Araba nur: „Don’t worry.“ Aber wir arbeiten daran: Hühnerhaltung auf Augenhöhe…
Zum Abschluß geben wir Euch noch einen kleinen Eindruck von unserem Balkon-Ausblick auf den wunderschönen River Pra mit auf den Weg. Afrika ist eigentlich ganz schön, oder?

3. Juni 2010
Nach fast drei Wochen wird es nun endlich Zeit, Euch ein Lebenszeichen zu senden. Nein, wir sind nicht verschollen, aber die Sache mit dem Internet gestaltet sich, wie so vieles hier, doch einigermaßen schwierig. Erst brauchten wir Wochen, um endlich an einen funktionierenden Stick zu kommen – sowohl in Accra, als auch in Cape Coast, von Twifo einmal ganz zu schweigen, waren die Dinger ausverkauft, und erst in Takuradi wurden wir endlich fündig. Dann haben wir hier des öfteren Stromausfall, wie gerade jetzt auch, und da ist, zumindest in unserem schönen Örtchen, auch das Internet futsch. Ich werde jetzt also erstmal schreiben, und dann heute abend mein Glück noch einmal versuchen, das Ganze hochzuladen. Jetzt aber zu unserem Bericht:
Der Flug mit Lufthansa war entspannt und bequem. Die Kinder sind überhäuft worden mit einer Endlosschleife Gimmicks. Außerdem hatten wir einen Fensterplatz, und auch sonst war alles eher ein kleiner Luxus. In Accra auf dem Fluhafen blieb uns dann aber erst einmal buchstäblich die Luft weg. Als wir aus dem Flieger ausstiegen, um in den wartenden Flughafenbus einzusteigen, durchlebten wir genau die Situation, die sich Thomas in seinen pessimistischsten Träumen ausgemalt hatte. Es war heiß und unglaublich stickig. Nach fünf Minuten dachte Thomas, dass es wohl doch eher ein großer Fehler war, sich für diesen Trip zu entscheiden. Ich war erstmal noch verhalten, glaubte aber, jeden Moment zusammenklappen zu müssen. Wir wurden dann gleich von einem sehr offiziell aussehenden „Agenten“ in gelber Warnweste in Empfang genommen. Er lotste uns fix zu unseren Koffern und durch die diversen Formalitätsstationen, ohne dass wir weiter behelligt wurden, ein Glück bei den Warteschlangen, die wir überholten. Es stellte sich schließlich heraus, dass unser Glücksengel nicht so wirklich offiziell, sondern eher als „Privatagent“ fungierte. Aber er hat uns einen super Job erwiesen, den wir gerne wieder mit ein paar Cedis in Anspruch nehmen würden. Im Übrigen kein Vergleich zu den – ich sage mal – „horrenden Preisen“ der Fraport am Frankfurter Flughafen.
In Accra wurden wir dann von Thomas’ Chefin abgeholt, haben unsere 8 Koffer, 4 Handgepäckstücke und uns selbst in einen schicken Geländewagen verstaut und sind klimatisiert zum Affia Beach Hotel direkt an den Strand von Accra gefahren, um uns gleich wieder unter die Klimaanlage zu legen.

Das Hotel war für uns für den Einstieg in Ghana genau das Richtige und unseres Erachtens uneingeschränkt weiterzuempfehlen: Nah an der City, aber dennoch abgeschieden genug, um etwas Ruhe von der Hektik Accras zu haben. Es wird von einer Australierin, die mit einem Ghanaer verheiratet ist, geführt. Also wie geschaffen für uns. Und dennoch waren der erste Abend und die erste Nacht die Hölle. Total stickig, durchgedrehte Kinder, blankliegende Nerven, besonders bei mir. Nur dank der ausgezeichneten Air Condition in unserem Appartement haben wir uns ein Fünklein Hoffnung auf eine angenehmere Zukunft erhalten können. Die nächsten Tage wurden dann, wie man sieht, in der Tat deutlich angenehmer.

Wir waren in einem wenige Kilometer entfernten Luxushotel am Pool und verbrachten einen Abend auf dem Schulfest der Schweizer-Deutschen Schule, der Ort mit dem wohl besten Spielplatz in ganz Accra. Das war skurril, es gab Bratwurst mit Kartoffelsalat, mehr oder weniger interessante Expats-Gespräche z.B. über die Gouda-Preise in Accra und oder günstige Fahrzeugangebote für schlappe 16.000 Euronen usw. Komische Szene das. Und dann kam die erste Fahrt allein durch Accra mit dem neuen Dienstwagen. War gar nicht so schlimm, wie Thomas es sich vorgestellt hatte, der Held. Das Problem ist nur, dass es in Accra so gut wie keine Straßenschilder (Wegweiser) gibt. Aber im Vergleich zu griechischen Großstädten oder zu Bordeaux (Thomas findet es schlimmer als Paris) ist Accra auch nicht so wesentlich hektischer. Nur die Autos sind andere. Wundervolle 508er Mercedes Busse, unzählige alte 207er und aberwitzig überfüllte Nissan Urvan, zum Teil in nicht vorstellbarem technischen Zustand. Es wird gefahren bis zum letzten „Atemzug“ des Wagens. Aber natürlich gibt es auch richtig teure Nobelgeländewagen und Stretchlimousinen etc.
Nach nur sechs Tagen in der Landeshauptstadt folgte dann die Abreise nach Twifo Praso, unserem zukünftigen Zuhause. Wir haben unseren Pick up mit dem neu in Accra erstandenen Kühlschrank, den bereits erwähnten Koffern und noch weiterem in Accra gekauften Schnickschnack vollgepackt und sind mit einer Kollegin (die weiter nach Takoradi musste) und der Chefin im Konvoi gefahren. Bis Cape Coast war alles noch sehr interessant und nett. Die Fahrt aus Accra hinaus hat allein eine Stunde gedauert. Dann ging es fix über gut ausgebaute Landstraßen am Meer entlang. In Cape Coast bogen wir dann in Richtung Twifo Praso ab. Insgesamt fährt man von dort noch einmal eineinviertel Stunde hinein Richtung Regenwald. An unserem Zielort wurden wir herzlichst empfangen und bewirtet. Überhaupt kümmern sich alle rührend um uns „Frischlinge“ und versuchen, uns den Einstieg so angenehm wie möglich zu machen.
Ihr könnt es Euch kaum vorstellen: Wir sind hier so richtig tief mitten im Busch. Die Wege sind lang (über eine Stunde bis zur nächsten Versorgung mit Spezialsachen, wie Waschmaschinen, Gasanlagenzubehör o. ä.) und in den ersten Tagen in Twifo dachte ich, wir werden von Viechern aufgefressen. Wer morgens als erster das Bad betritt, hat verloren: Immer neue Tiere oder Tierexkremente. An die Geckos habe ich mich mittlerweile ja schon gewöhnt, finde sie sogar recht drollig. Am Anfang hatte ich den totalen Horror. *g* Und bis auf einen eintägigen, leichten Durchfall bei Thomas, Daan und mir sind wir auch alle wohl auf.
Das hier ist Afrika wie im Fernsehen. Es laufen überall Frauen mit unglaublichen Dingen in Schüsseln auf dem Kopf herum… und wo man hinschaut superliebe süße kleine Kinder. Und unglaublich beladene, uralte, schrottige Autos gibt’s natürlich auch. Aber auch sehr schicke teure neue Geländewagen. Wirklich wie im Fernsehen, nur in echt. Es gibt ein unfassbares friedliches Nebeneinander von sehr arm bis ziemlich reich.

Twifo Praso selbst ist ein belebter Ort mit einer quirligen Strasse voller Marktstände. Dienstags und freitags ist hier die Hölle los. Dann ist Markt und die Leute kommen von überall her. Man bekommt fast alles hier außer bessere Elektroartikel und echte Pampers. *quengel* Dafür gibt es Brot (Weißbrot) vom Bäcker, Bockwürstchen, viel CocaCola (auch CC light), Instant-Kaffee, Milch, Cornflakes, Kaugummi, usw. Und natürlich unglaublich leckere Mangos, Ananas, aber auch frische Möhren, Zwiebeln, Auberginen und so. Unser Haus ist ein altes Kolonialherrenhaus von 1925. Es wurde im Zuge des Eisenbahnbrückenbaus errichtet. Die Eisenbahn ist aber seit 15 Jahren stillgelegt. Die Brücke gibt es noch, und sie ist enorm wichtig, ist sie doch die einzige Möglichkeit, den Fluss (River „Pra“) zu überqueren. Da wurden einfach Bohlen zwischen die Schienen gelegt, und jetzt kann man da mit dem Auto hinübereiern. Das machen wir täglich mehrmals, und weil Thomas ja für die Stadtverwaltung arbeitet, müssen wir auch keine Gebühr zahlen (normalerweise einen halben Cedi.)
Unser Haus war bis auf zwei Betten (mit guten Matratzen) und zwei Schränken sowie einer Küche ohne Geräte leer. Aber das wird sich hoffentlich rasch ändern.
Gerade stehen wir am Beginn der Regenzeit, es regnet mittlerweile fast täglich, und dann wolkenbruchartig. Doch irgendwie macht uns der Regen hier in der Hitze weit weniger aus, als in Deutschland. Eher das Gegenteil ist der Fall: Endlich mal ‘ne Abkühlung! Mal schauen, was uns noch erwartet…
Daan, der gestern übrigens seinen ersten Pre-School-Tag hatte, mit dem Klima entsprechend kurzgeschorenem Haar und in Schuluniform (ein Bild für die Götter, Foto folgt in Kürze) liebt übrigens unseren Watchman Anabi über alles. Besagter Anabi ist ca. 60 Jahre alt, in einer Hütte nahe bei unserem Haus untergebracht und ein echter Überlebenskünstler. Tagsüber werkelt er unermüdlich an seinen Reusen herum, die er zum Fischfang benötigt. Und Daan schaut zu. Es ist kaum zu fassen, wie beruhigend die Gesellschaft des kautzigen Anabi auf unseren Wusel Daan wirkt. Und sie verstehen sich! Daan textet auf deutsch und kriegt doch immer, was er will.

Nach diesen zwei Wochen in Twifo können wir also endlich kochen, sind online, die Maid und Nanny Araba am Start (und arbeitet eigentlich auf Ansage ganz gut, wenn sie auch mangels konkreter Anweisung gelegentlich 4 von 8 Stunden auf dem nackten Boden – weil ja noch unmöbliert – in ihrem persönlichen Räumchen schläft *g*), die besagten Möbel beim Schreiner geordert, haben eine Satellitenschüssel auf dem Dach und einen Trockner (wichtig, wegen der Mangofliegen, die gerne in die nasse Wäche auf der Leine ihre Eier ablegen, aus denen dann Larven schlüpfen, die sich unter die Haut fressen *lach*). Gewaschen werden muss tatsächlich von Hand, weil hier der nicht vorhandene Wasserdruck keine Waschmaschine erlaubt. Das ist auch eine von Arabas Aufgaben, ein, wie wir beide finden, echt harter Job.
Vorgestern kam Anabi morgens an und überreichte uns eines seiner (quicklebendigen) Hühner, das wollte er uns zum Schlachten überlassen. Ich war zunächst skeptisch, wie ich immer zunächst skeptisch bin. Aber da Thomas sich so freute, und unsere Araba sich übereifrig anbot, die Sache in die Hand zu nehmen, war ich dann doch einverstanden. Im Null komma Nix war das Huhn im Kochtopf gelandet, und Araba zauberte uns in nichtendenwollenden vier bis fünf Stunden ein echtes afrikanisches Mahl ohne Chili (wg. der Kinder): Undefinierbare Hühnerteile in Tomatensauce, von denen ich nur die Sauce hinunterbekam. Thomas musste sich schließlich „opfern“, und das gesamte Huhn alleine verschlingen.
Letzten Samstag haben wir übrigens zu meiner übergroßen Freude Lenas Erfolg in Oslo live im Internetradio verfolgt. Das war ein bischen wie vor dem Volksempfänger sitzen, nur dass es unser Labtop war. NDR und HR (live vom Hessentag in Stadtallendorf !) übertrugen die Veranstaltung im Radio. Den Fernsehstream konnten wir leider nicht empfangen, weil das Modem so schnell nicht nachladen konnte. Da saßen wir also in unserem afrikanischen Busch, hörten, dass Rehe auf der A1 bei Bremen seien und dass Deutschland den Eurovision Song Contest seit 28 Jahren endlich wieder einmal gewonnen hat. Sensationell!!! Wir fühlten uns ein bischen wie bei den Waltons: „Gute Nacht, John-Boy!“
Ach, nicht dass Ihr denkt, Thomas hätte seine Mission vergessen: Der Stamm-Plattenladen in Takoradi ist bereits ausgemacht:

Soviel für heute, wir sind noch fit und voller Tatendrang. Alles weitere demnächst, wenn das Internet läuft und sobald die Kids mal Ruhe geben…
12. Mai 2010
Da sitzen wir nun inmitten von acht Koffern mit jeweils exakt 22,5 kg Gewicht (23 sind erlaubt) sowie 4x Handgepäck und zwei endlich schlummernden Kindern und erledigen, jeder für sich, die für ihn/sie wichtigsten Dinge, die noch getan werden müssen. Das heißt für mich: Blog schreiben, bevor mein allerheiligstes Labtop in das letzte Gepäckstück gepresst wird, um hoffentlich bald wieder gesund und wohlbehalten aufzutauchen. Und für Thomas: Camcorder ausprobieren und später dann Auto packen! Denn schon morgen wird der Arme die gesamte Fuhre zum Flughafen bringen und abgeben… Reisen mit 12 Gepäckstücken und zwei aufgeregten Kindern ist eben auch ein logistisches Problem.
Just-in-time haben wir uns heute auch Dank Lutz’ Hilfe von unserer letzten Habe in Form riesiger Pappkartons getrennt, die nun nach Ghana verschifft werden.

Unsere Abschiedsfete in Marburg hat uns nochmal ganz viel Kraft mit auf den Weg gegeben. Nicht zuletzt durch die vielen guten Wünsche und auch feste Umarmungen von wirklich guten Freunden, die zum Teil von sehr weit her angereist waren, aber auch Bekannten, von denen ich das so gar nicht erwartet hatte. Irgendwie kann so ein Abschied für länger die Menschen bisweilen doch näher zusammenführen, weil alles eben bewusster erlebt wird.
Meine Moni kam gestern sogar noch einmal extra nach Bad Honnef gebraust, um ein wenig Zeit mit uns zu verbringen, das hat mir sehr viel bedeutet!
Auch gibt es neue Infos aus Ghana: Nach nur einer Woche im Herzen von Accra soll es schon nach Twifo zu Thomas’ Projektplatz gehen. Dort erwartet uns ein hoffentlich schönes Haus mit großem Garten. Erste Fotos haben wir auch bereits gesehen, aber davon berichten wir dann lieber erst, wenn wir es persönlich in Augenschein nehmen durften.
Müde und ausgelaugt von den letzten Tagen, wollten wir es dennoch auf gar keinen Fall versäumen, Euch allen noch einen herzlichen Gruß zuzusenden, bevor wir Donnerstag in den Flieger steigen und uns das Loch verschluckt. Selbstverständlich mit dem obligatorischen „vorher“-Foto…

Damit Ihr uns nicht vergesst.
Und immer fleißig mailen, gelle?!
23. März 2010
Es war ein toller Kindergeburtstag! – Sowohl für uns als auch für die Geburtstagsgäste. Es stand die Besichtigung einer Feuerwehrwache an, und die Feuerwehr Ockershausen hatte sich alle erdenkliche Mühe gegeben, die ganze Veranstaltung für die Kinder so anschaulich und spannend wie möglich zu gestalten. Ein glücklicher Daan schlief abends ein. Und auch der Abschied vom Kindergarten am darauffolgenden Tag wird uns allen noch lange in positiver Erinnerung bleiben.
Nach gut vier Wochen scheinen wir alle nun endlich auch mental in unserer vorläufigen Bleibe in Bad Honnef anzukommen. Dadurch, dass an den ersten Wochenenden immer noch Fahrten in die alte Heimat anstanden, weil irgendwelche Sachen noch geholt oder eingelagert werden mussten und auch Thomas’ Geburtstag mit den engsten Freunden in Marburg gefeiert werden wollte, gestaltete sich das Einleben, insbesondere für die Kinder, anfangs noch ein wenig schwierig. Erst als wir dann begannen, rein physisch hier in der “Ferienwohnung” zu bleiben, kamen wir alle ein wenig zur Ruhe. Auch die neue Kita ist zwar schön, aber so eine Umgewöhnung kann halt einfach nicht von heute auf morgen funktionieren. Gerade Janne tat sich die ersten beiden Wochen damit ein wenig schwer, aber in der Zwischenzeit gehen die Jungs gerne hin, und das macht die Dinge natürlich auch für uns leichter.
Und wie verläuft nun unsere Vorbereitungszeit? Also, in der Vorbereitungsstätte besuchen Thomas und ich weitgehend dieselben Kurse: Inhouse-Kurs, Landeskunde, Interkulturelle Kommunikation (für mich eines der spannendsten Themen überhaupt), Englisch-Sprachkurs, medizinische Beratung. Und während Thomas seine fachspezifischen Themen, wie „Entwicklungszusammenarbeit im internationalen Kontext“ und „Dezentralisierung“, bearbeitet, soll ich lernen, mich mit meiner neuen Rolle als mitausreisende Partnerin im Gastland auseinanderzusetzen (hatte ich das nicht bereits?) bzw. welche Chancen aber auch Hürden sich bei der Ausreise mit Kindern ergeben. Dazwischen bringen wir natürlich auch noch all die notwendigen Impfungen hinter uns. Ihr seht: Auch wenn ich mir bisweilen noch einen klein wenig mehr Input gewünscht hätte, kann Langeweile bei einem derart vollen Stundenplan kaum aufkommen! Außerdem ist es ja auch mal schön, den Vollservice zu genießen: Sich einfach nur an den gedeckten Tisch zu setzen, zweimal wöchentlich die Wohnung gereinigt zu bekommen und gut betreute Kinder, das alles hat schon was!
Neben der Gelegenheit, schon einmal einen Blick um die Ecke, hin zu der uns erwartenden und völlig fremden Kultur Ghanas, zu tun und uns zumindest ein stückweit zu präparieren, sehen wir den größten Gehalt unserer Vorbereitungszeit allerdings im Aufbau eines weiteren sozialen Netzwerks. Bereits in den wenigen Wochen hier durften wir eine Vielzahl an wirklich netten Leuten mit zum Teil beeindruckenden Biographien kennenlernen und von deren reichem Erfahrungsschatz profitieren. Es ist eine völlig neue Welt, die sich uns hier zu eröffnen scheint, und wie kleine Kinder stehen wir mit großen Augen davor und saugen alles auf. Und natürlich haben wir auch großen Respekt und auch Befürchtungen ob unserer neuen Aufgabe. Aber auch das gehört ganz sicher dazu und hat seine Berechtigung.
Nächste Woche nun wird für uns beide der Englisch-Intensivunterricht starten, und damit sind wir, rein formell gesehen, „fit für die Ausreise.“ Genau. So fit, wie man nur sein kann, mit nichts als ein bischen Lebens- und Berufserfahrung in der Tasche.
Jedenfalls ist es ganz gut, dass wir unsere alte Heimat eine ganze Weile vor dem Abflug verlassen haben. Denn wenn ich ehrlich bin, vermisse ich Marburg (und alle Euch vertrauten Menschen) doch mehr, als ich mir hätte vorstellen können. Ja, ja, Thomas hat das alles schon vorher gewusst.
Aber unsere Abschiedsparty steht ja erst noch an, und da werden wir Euch alle nochmal wiedersehen. Und der Frühling soll ja nun auch endlich kommen. *freu*
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sagen wir also: Bis im Mai, Ihr fehlt uns jetzt schon!
16. Januar 2010
So langsam wird es ernst: Unser Plan sieht vor, dass unsere komplette Wohnung nebst Keller bis auf eine kleine Garagenfüllung eingestampft wird – der Rest kommt weg! Eigentlich eine befreiende Sache, ein wenig Ballast abwerfen war schon lange überfällig. Zwei Sammelwütige räumen auf… So hocken wir also auf Umzugskisten, versuchen, die uns weniger wichtigen Möbel und Habseligkeiten irgendwie zu verkaufen und richten uns in den kümmerlichen Resten unseres (bald ehemaligen) Zuhauses so gemütlich wie die Umstände es irgendwie hergeben ein. Vor allem die Kinder brauchen ja trotz allem ihr stabiles Umfeld, folglich bleibt das Kinderzimmer bis zuletzt unangetastet.
Ein paar Unwägbarkeiten gehören vermutlich dazu und halten den Adrenalinspiegel auf dem nötigen Pegel: Da wir Thomas und ich vor unserer Ankunft in den Tropen noch ein paar Kilogramm abzuspecken gedachten, um für sicher auftauchende Strapazen besser gerüstet zu sein, hatten wir uns entschlossen, noch eben ein bis zwei Wochen zu fasten. Kein Problem, wir fasten ja immer einmal im Jahr! Und was folgte? Massiver Kälteeinbruch (schon mal im Winter gefastet?? *bibber*), zwei kranke und entsprechend quengelige Kinder neben 30 Kisten, die gepackt werden wollten und Papierchen hier, Nachweis da, Unterschrift dort für die verschiedenen Ämter und Einrichtungen, die noch benachrichtigt werden müssen.
Nebenher muss Daan noch fix an den Polypen operiert werden, denn er hört gerade fast gar nichts mehr. Darüberhinaus hat der Gute eine Woche nach unserem Umzug ins „Vorbereitungscamp“ Geburtstag. Was täten wir da wieder einmal ohne die lieben und aufopfernden Großeltern, die mit dem Süssen eine Woche lang in der leeren Wohnung auf Matratzen hausen werden, damit das Kind wenigstens noch seinen vierten Geburtstag angemessen und mit seinen Freunden aus dem Kindergarten zelebrieren kann. Tausend Dank an Euch, wir wissen nicht was wir ohne Euch täten!!
Aber wir wollen uns ja nicht beschweren, wir haben uns ja genau für dieses Chaos entschieden. Und freuen uns wie wahnsinnig auf das, was uns in diesem neuen Jahr erwarten wird. Dass der Weg nach Ghana ein steiniger ist, das wussten wir ja schon vorher. Dennoch kann ich es mir schon nicht im entferntesten vorstellen, dass wir tatsächlich in nur vier Wochen in Bad Honnef zur Vorbereitung sein werden und diese unsere riesige Wohnung in Marburg komplett leer und übergeben. Wahnsinn!
Es sind nur noch vier Wochen, und die Zeit scheint dahinzurasen. Es lockt nicht mehr nur das „Abenteuer Afrika“, sondern die Fragen werden langsam konkreter. So eruiere ich beispielsweise Dinge wie: Gibt es in Ghana Tee oder Kaffee? Wird dort gebadet oder geduscht und mit welchem Wasser (Stichwort: Wasserfilter)? Wird es uns in dem tropischen Klima irgendwie möglich sein, ein wenig sportliche Betätigung auszuüben? Für Thomas stellen sich natürlich darüber hinaus noch ganz andere, eher berufliche Überlegungen: Wie wird die Arbeit vor Ort aussehen? Werde ich in die wirklich bedeutenden Belange auch involviert, oder nur durchgereicht werden?
Tja, und parallel zu all dem Stress beginnen wir auch langsam, uns von unseren Freunden zu verabschieden. Jedes Treffen könnte das letzte sein für lange Zeit. Und ich, die alte Winterhasserin, kann gerade sogar dem nicht endenwollenden Schneegestöber in Deutschland etwas abgewinnen. So bald werde ich keines mehr sehen.
So long, liebe Leute, wir werden weiterhin berichten. Beim nächsten mal wahrscheinlich aus dem Trainingslager am Rhein!
17. September 2009
„Würdest du auch mit mir nach Afrika gehen?“
„Ähm… ja. Wieso??!“
„Ich hab da so eine Stelle entdeckt…“
So in etwa fing alles an. Thomas hatte eher zufällig mal wieder auf den Seiten des DED vorbeigeschaut, um nach geeigneten Arbeitsstellen Ausschau zu halten, und war dabei auf eine Ausschreibung für die Beratung einer Kommunalverwaltung in Ghana gestoßen. Ein Job wie gemacht für ihn! Gesagt – getan: Die Bewerbung war schnell rausgeschickt, wer nicht wagt, der nicht gewinnt, das wird ja eh nichts.
Von wegen! Eine Woche später war die Einladung zur Auswahltagung in Bonn eingetrudelt. Für BEIDE!!! Welch eine Aufregung! Was sollten wir nur anziehen, was würde auf uns zukommen? Hatten wir uns das Ganze auch wirklich reiflich überlegt? War unsere Psyche stabil? Was wird mit den Kindern? Wie schaut Leben in Ghana eigentlich wirklich aus? Zeit genug, zu recherchieren, und mit Hilfe von Freunden, die schon einmal dort gewesen waren, sowie den Weiten des allwissenden Internets fühlten wir uns nach etwa einer Woche intensivster Vorbereitung einigermaßen gewappnet für den großen Einstellungstest.
Derselbe wurde dann wider Erwarten („Die suchen bestimmt Leute mit mehr Auslandserfahrung.“ etc.) ein voller Erfolg. Der DED wollte uns (ähem… in erster Linie natürlich Thomas, aber es war und ist ja “unser” Projekt) für die Stelle empfehlen. Und als nach fünf Tagen auch noch der ärztliche Tropentauglichkeitstest ergab, dass wir allesamt „für eine Ausreise geeignet“ sind, waren wir einerseits beseelt, andererseits standen wir auch völlig neben uns ob dieses großen Schritts, der zwar lange schon völlig inkonkret in unseren Köpfen existiert hatte, und dann doch so schnell – zum Greifen nah – Gestalt angenommen hatte.
Mittlerweile waren wir allerdings auch selbst soweit, dass wir für uns wussten: „Ja, wir wollen das! Mit den Kindern, als Familie, aber auch jeder für sich.“ Und daran würden auch die verängstigten Anrufe der Großeltern nichts ändern, die von Malaria über Hautkrebs jedes erdenkliche Risiko für ihre Enkel in den dunkelsten Farben ausmalten. Danke an dieser Stelle noch einmal an Frank für die ausführliche Erstberatung sowie an alle Freunde und Bekannte, die sich so geduldig unserer diesbezüglichen Fragen annahmen!
Bis wir dann endlich die unterschriftsreifen Vertragsunterlagen in Händen hielten, sollte es dann allerdings noch fast zwei Monate dauern. Und hier sind wir nun: Ein über Jahre gewachsener vierköpfiger Hausstand will aufgelöst, diverse Verträge gekündigt, Unterlagen herbeigeschafft und beantragt werden.
Yes, we can!!!